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5. März 2014 Die Lupe

Historiker-Konferenz: Hitler-Stalin-Pakt wurde entscheidend durch antisowjetische Haltung der Westmächte provoziert

Vom 21. bis 22. Februar 2014 fand an der Freien Universität Berlin eine Tagung mit dem Titel „Gab es einen Hitler-Stalin-Pakt?“ statt. Veranstalter waren u.a. die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland und die VVN-BdA.

Die Tagung war die vierte im Rahmen einer Reihe wissenschaftlicher Konferenzen, die seit 2007 an der FU zu den deutsch-polnischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veranstaltet werden. 

Die These Domenico Losurdos lässt sich zusammenfassen auf seine Formel, dass Hitler weltweit der „Verfechter der White Supremacy sowie der kolonialistischen Konterrevolution“ war, während der sozialistische Vielvölkerstaat als „antikoloniale Revolution“ mit dem Anspruch, alle Menschen in Frieden, Gleichheit und Eintracht zu verbinden, zu werten gewesen sei.

Die französische Historikerin Annie Lacroix-Riz legte dar, dass der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag nicht aufgrund der „Gemeinsamkeiten der Spießgesellen Stalin und Hitler“ (Zitat Erika Steinbach) zustande kam, sondern aufgrund komplexer diplomatischer Strategien insbesondere Frankreichs und Großbritanniens, die qua faktischer Verweigerung einer Großen Allianz mit Moskau sowie durch systematische Täuschung zunächst der Tschechoslowakei und anschließend Polens ihre einstigen mittelosteuropäischen Verbündeten entweder direkt opferten (Prag 1938) bzw. hinterrücks verrieten, um den deutschen Expansionsdrang nach Osten zu lenken.

 

So habe der französische Großunternehmer und Besitzer von Skoda Eugène Schneider Skoda an Krupp verkauft, da in der Krise das französische Finanzkapital im Osten zur Belastung geworden war; die französische Außenpolitik zog sich im Nachgang des Pariser Großkapitals auch aus den (1919 als neuen französischen Einflusssphäre gewonnenen Gebieten) zurück und überließ sie dem Deutschen Reich. Sergey Kudryashov (Deutsches Historisches Institut Moskau) präsentierte Dokumente des Politbüro-Archivs und hob hervor, dass in Paris und London der „Bolschewismus als größere Gefahr im Vergleich zum Faschismus wahrgenommen“ wurde: Die Nichtintervention des Westens in den spanischen Bürgerkrieg sowie die Opferung Prags in München (1.10.1938) bekräftigten das Politbüro in dieser Überzeugung.

Geoffrey C. Roberts (University College Cork) betonte in seinem Vortrag, dass die Sowjets im Frühling 1939 mehrmals in Warschau nachhakten, ob Polen nicht aufgrund des im April durch Berlin einseitig gekündigten deutsch-polnischen Nichtangriffspakts von 1934 mit dem Kreml gegen Berlin kooperieren wollten. Doch Polen, wo die kommunistische Partei verboten war, ethnische Minderheiten seit 1926 systematisch unterdrückt wurden und antijüdische Pogrome sich ereigneten, hat keine positive Antwort versandt.

Michael Jabara Carley (Universität Montréal) erwähnte, dass Litvinov (Außenminister Russlands bis 1939) nicht nur mit Westeuropa, sondern auch mit Rumänien und den USA vergeblich kollektive Sicherheitsabkommen verhandelt (rumänischer Außenminister Nicolae Titulescu musste jedoch 1936 wegen ebendieser Verhandlungen mit Moskau aus innenpolitischem Druck zurücktreten!) bzw. zu verhandeln versucht hatte (das State Department unterwanderte die Initiative Litvinow-Roosevelt zur Aufnahme von Verhandlungen).

Werner Röhr (Edition Organon Berlin) wies darauf hin, dass der polnische Militär und Außenminister Beck Ende 1938 die Information Ribbentrops über die „Globallösung“ (u.a. Berlins Forderung der Abtretung eines Korridors nach Danzig) nicht an seine Regierung weiterleitete, da er sich die völlige Niederlage seiner jahrelang betriebenen pro-deutschen Außenpolitik nicht eingestehen konnte. Stanislaw Zerko (Poznan) merkte die illusionäre Einschätzung von Beck an, nach welcher Hitler ein „Gefühl von Mäßigung in Deutschland“ verbreitet habe wie es das seit Bismarcks Zeiten nicht mehr gegeben habe.

Ulrich Schneider von der Fédération Internationale des Résistants (FIR) schilderte den Entwurf einer Direktive der Kommunistischen Internationale von Ende September 1939, in der es hieß: „Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen kapitalistischer Länder um die Weltherrschaft geführt“. Er erwähnte, dass zwei Tage nach dem deutsch-russischen Vertrag die Pariser Polizei L'Humanité überfiel und die Tagesausgabe beschlagnahmte; kurz darauf wurde das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs ganz verboten und anschließend die gesamte kommunistische Presse (Maßnahmen, die als Teil der weiteren faktischen Annäherung an das antikommunistische Deutschland zu werten waren).

Tobias Baumann (Doktorand von Prof. Dr. em. Annie Lacroix-Riz; während der Historikerkonferenz Simultandolmetscher Französisch-Deutsch)