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Ein Traum, oder…?

Vor einiger Zeit, mancher wird sich noch dunkel daran erinnern, wurde unseren allseits beliebten Volksvertretern aus fadenscheinigen Gründen eine Aufbesserung ihrer Diäten verweigert.

Wie spärlich - und den bewundernswerten Leistungen dieser vorbildlichen Idealisten völlig unangemessen - deren „Aufwandsentschädigungen“ waren und sind, ergibt sich ja schon aus der Bezeichnung „Diäten“. Ein Wort, das der Volksmund stets im Sinne von „Hungerkuren“ gebraucht…

Wie dem auch sei, als ich einige Tage nach besagter Nichterhöhung der Diäten in der U-Bahn zur Arbeit fuhr, riß mich plötzlich der Klang einer sonoren Stimme aus dem Halbschlaf.

Im Waggon stand ein gutgekleideter Mann (anscheinend sehr teurer Maßanzug, Seiden- krawatte usw.), der über seiner Schulter eine modische Ledertasche trug, in der sich einige Hochglanzmagazine, nach Art des Playboys befanden.

Der Mann verbeugte sich routiniert und gab dann wohlakzentuiert folgende kleine Rede zum Besten:

„Einen recht schönen guten Tag, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Wählerinnen und Wähler! Mein Name ist XXX von der Partei XXX. Wie sie sicherlich den einschlägigen Medien entnommen haben, wurde uns Abgeordneten, in einem Akt grenzenloser Willkür, die Erhöhung unserer Bezüge verwehrt, so daß jetzt viele von uns vor dem finanziellen AUS stehen.

Besonders diejenigen, die es noch nicht zu einer genügenden Anzahl von Beraterverträgen und Aufsichtsratsposten gebracht haben, könnten in absehbarer Zeit von Verelendung bedroht sein, zumal die Schmier- und Bestechungsgelder infolge der herrschenden Wirtschaftsflaute auch nicht mehr so üppig fließen, wie sonst.

Leider zähle auch ich zu diesen schwer Betroffenen, und um nicht ganz offen kriminell werden zu müssen, verkaufe ich nebenberuflich das Abgeordneten-Magazin: DER HINTERBÄNKLER. DER HINTERBÄNKLER kostet, wie immer, 250 Euro. Davon gehen 20 an die Druckerei, 20 an die Parteikasse, 10 in dunkle Kanäle, wegen der Steuern, und 200 an mich.

Unsere Themen in dieser Ausgabe: Rubrik Geschichte: Marie Antoinette, die verkannte Landesmutter. Rubrik Reisen: Liechtenstein, klein, aber oho… Unser Fortsetzungsroman: Es sollte besser Kaviar sein! sowie in der Rubrik Literatur: Wilhelm Busch, als Ratgeber für HARTZ Empfänger, mit dem Titel: „Wer nichts gebraucht, der hat genug.“

Ich wäre erfreut, wenn der eine oder andere von Ihnen mir ein Magazin abkaufen  würde. Auch für kleine Spenden von 100 oder 200 Euro, wenn’s nicht anders geht, auch in Schecks, sowie für Nahrungsmittel wie Beluga-Kaviar, Wachteleier oder Champagner wäre ich sehr dankbar. Außerdem hoffe ich bei den nächsten Wahlen  natürlich auf Ihre Stimme !“

Er entnahm der Ledertasche ein Magazin, hielt es hoch und lief damit den Mittel- gang des U-Bahn Waggons entlang, wobei er laut rief: „Der neue HINTERBÄNKLER, nur 250 Euro, greifen sie zu, meine Herrschaften!“

Tatsächlich wurden ihm etliche Exemplare von mitleidig dreinschauenden Fahrgästen abgekauft. Auch eine Flasche Schampus, nebst einiger größerer Geldscheine wechselten noch den Besitzer. Danach verbeugte sich der Mann abermals und sprach, wie folgt:

„Meine potentielle Wählerinnen und Wähler! Ich bedanke mich im Namen aller notleidenden Volksvertreter herzlichst und wünsche Ihnen eine angenehme Weiterfahrt, sowie, falls Sie zu den Glücklichen gehören, die noch im Erwerbsleben stehen dürfen, einen erfolgreichen Arbeitstag!“

Damit öffnete er die Waggontür und entschwand im Menschengewühl. Mir wurde plötzlich siedendheiß  klar, daß ich an meinem Zielbahnhof angelangt war und meinen Minutenschlaf mit dazugehörigem Kurztraum abbrechen mußte. Aber sind Träume wirklich Schäume?

Klaus Jürgen Stolz 

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