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Christine Scherzinger

Christine Scherzinger

Kleingärten sind notwendige Grünfläche und soziale Infrastruktur

Interview mit BVV Christine Scherzinger (C.S.).

Kleingärten in Tempelhof-Schöneberg sollen temporären Klassenzimmern weichen.
DIE LINKE unterstützt betroff ene Kleingärtner_innen. Ein Interview über (fehlende) Bürgerbeteiligung, den Kampf ums Grün und künftige Stadtentwicklung:
Nur ungern erinnern sich die Kleingärtner_innen der Eschenallee an den 4. März 2019 zurück. An diesem Tag wurde über die Medien der Wegfall von 10 Kleingartenkolonien alleine in Tempelhof zugunsten sozialer Infrastrukturen wie Schulen, Sportplätze, Kitas u.ä. verkündet. Auch die Kleingartenkolonie Eschenallee, die eine über 102 Jahre bestehende Tradition aufweist und selbst eine soziale Infrastruktur für das Gebiet geworden ist, soll den temporären Klassenzimmern (Fliegendes Klassenzimmer 2.0) weichen. Gespräche seitens des Bezirksamts mit den Kleingärtner_innen fanden im Vorfeld der Verkündung nicht statt. Nun folgte der zweite Schock für die Kleingärtner_innen: Jetzt erfahren sie wieder zufällig über die Medien (Berliner Woche vom 27.6.2019), dass laut Aussagen des Stadtrats Schworck bereits dieses Jahr eine Kündigung bis Ende 2020 erfolgen soll.
Ein Gespräch mit den Betroff enen, nicht nur über den potentiellen Verlust einer Kleingartenkolonie, sondern auch über den Wunsch einer echten Bürgerbeteiligung auf Augenhöhe und über eine Vision für eine zukünftige Stadt, in der Kleingärten ein integrativer Teil der Stadt geworden sind.

C.S.: Warum sollte Ihre Kleingartenkolonie erhalten bleiben?

Kleingartenkolonie Eschenallee (K.E.): Die Kleingartenkolonie ist fester Bestandteil und Erholungsraum für die Umgebung geworden. Bereits seit 102 Jahren wuchs eine soziale Infrastruktur heran und ist nun erhaltenswerte Grünfläche. Diese wird nicht nur von den Pächtern und deren zahlreichen Besuchern genutzt, sondern auch von Anwohner_innen, der angrenzenden Kita und von Spaziergänger_ innen. Es gibt einen kleinen Naturlehrpfad, Informationen für Besucher_innen, einen Naschgarten und Bienenstöcke. Ältere Menschen können die wohnortnahe Grünfläche jederzeit besuchen. Zugleich ist die Kleingartenkolonie eine Grünfläche mit alten Beständen an Obstbäumen und ein Biotop für verschiedene Tiere geworden. Daher stellt sie einen wichtigen Beitrag zur Artenvielfalt und zum Stadtklima dar. Die Zusammensetzung der Nutzer_innen ist multikulturell und spiegelt den Querschnitt der Gesellschaft wider. Die hohe Integrität der Kolonie in das Umfeld zeigt sich in der Anzahl der Unterschriften, die für den Erhalt gesammelt worden sind: Insgesamt sind es über 800 Unterschriften. Und wir sammeln weiter. Diese wurden im letzten Stadtentwicklungsausschuss an Stadtrat Oltmann überreicht. Und wir sammeln weiter.

C.S.: Was wünschen Sie sich von der Bezirkspolitik?

K.E: Wir haben das Gefühl, dass die Bürger_innen generell unterschätzt werden. Es wird nicht mit ihnen geredet, sondern über sie. Wir wollen ernst genommen werden und suchen einen Dialog auf Augenhöhe. Wir hätten eine frühzeitige Einbeziehung
der Kleingärtner_innen und eine Bürgerbeteiligung, die sich an den Bedürfnissen der einzelnen Menschen orientiert und das Umfeld mitintegriert, für gut befunden. Wenn bislang von Bürgerbeteiligung gesprochen wird, sind damit eigentlich nur Bürgerinformationen gemeint. Das ist weit weg von einer basisdemokratischen Idee von Stadtentwicklung. Wir wünschen uns, dass die Politiker_innen sich vor Ort einen eigenen Eindruck machen, auch um gemeinsame Lösungen zu finden. Da die Kommunikation bereits zu Beginn des Prozesses fehlgeleitet war, fehlt uns ein Vertrauen darin, dass wirklich alle Optionen überprüft wurden und ggf. alles dafür getan wurde, alternative Flächen für die soziale Infrastruktur zu finden. Nach einem langen Gespräch mit dem Stadtrat im Mai wurden uns nicht einmal die Pläne von einem Fliegenden Klassenzimmer/ Drehscheibe vorgestellt, obwohl sie längst bekannt waren. Wir wurden in Sicherheit gewogen. Es wurde suggeriert, dass der Prozess noch Jahre gehen würde. Jetzt
erfahren wir wieder aus der Presse, dass wir dieses Jahr noch die Kündigung erhalten werden. Das ist doch kein ehrlicher und transparenter Umgang. Wir haben die Sorge, dass die temporäre Nutzung der Modularen Klassenzimmer irgendwann eine Brache hinterlassen wird. Dann sind alte Strukturen irreversibel zerstört. Wenn uns plausibel und transparent die Ausganglage geschildert worden und man mit uns alle Alternativen durchgegangen wäre, hätten wir bestimmt Kompromisslösungen gefunden.

C.S.: Welche Wünsche und Visionen haben Sie für eine zukünftige Entwicklung von Kleingartenanlagen in Berlin?

K.E.: Berlinweit sollten sich Kleingärten natürlich gegenüber ihrem Umfeld öffnen und sich in ihr soziales Umfeld eingliedern. Es geht nicht darum, ein „Island“ fernab der Nachbarn zu sein, sondern ein Teil des Gebietes zu werden. Wenn der Fokus auf Bauen und Wachstum gelegt wird, werden in Zukunft nur wenige Grünflächen in der Stadt übrig bleiben. Somit handelt die (grüne) Politik gegen ihre eigenen Werte. Grünfläche, die aufgrund des Klimawandels eine immer wichtigere Rolle einnehmen wird, verschwindet. Schulen könnten dankbar sein, wenn dieses Grün zukünftig noch vor Ort als Lernort existiert. Denn Schüler_innen
fordern derzeit ein Umdenken hinsichtlich des Klimawandels. Vorstellbar wäre auch, dass einzelne Gärten für Institutionen (Schule, MUFs) bereitgestellt werden. Gemeinschaftsgärten könnten entstehen, an denen mehr Menschen, unabhängig ihrer
Herkunft, an der Ressource „Grün“ beteiligt sind. Es könnten Interkulturelle Projekte entstehen. Eine Idee wäre auch, einen Kleingartenpark zu entwerfen. Bei dieser Idee wären die Wege der Kleingärten sind notwendige Grünfläche und soziale Infrastruktur Kleingartenkolonie für alle offen und gliederten sich an bereits vorhandenen Grünflächen an.

Weitere Informationen und Initiativen der Fraktion DIE LINKE.Tempelhof-Schöneberg

Ersetzungsantrag zur Drs.1075/XX Tempelhof-Schöneberg erhält Kleingärten als soziale Infrastruktur

Kleingärten schützen – SIKo überarbeiten – Kleingärtner_innen beteiligen Beschlussempfehlung für den Stadtentwicklungsausschuss

www.linksfraktion-tempelhof-schoeneberg.de/themen/kleingaerten/