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Marianne Lampel, Andreas Bräutigam

„Ich verliere nie! Wenn ich nicht gewinne, lerne ich!“

Wir haben in unserer Bezirksorganisation einen Genossen, der mit seinen 94 Jahren sicher viel erlebt hat und noch recht aktiv ist – in Mitgliederversammlungen, an Informationsständen und bei Wurfaktionen. In einem Interview hat er unsere Fragen beantwortet:

Dedo, wie machst Du es, dass Du noch so fit bist?

Na ja, ich habe in meinen jungen Jahren Fußball und Volleyball gespielt, bin später in die Sauna gegangen und bin mehrere Bahnen geschwommen. Als die Pandemie ausbrach, blieben mir nur noch meine morgendliche Gymnastik und mein Hometrainer. Eine ausgewogene Ernährung ist natürlich auch nicht unwichtig.

Wie hast Du die Du Nazizeit verbracht?

Ja, ich kam 1928 zur Welt, wurde 1934 eingeschult und konnte ab 1938 das Gymnasium in Tempelhof, dem Wohnort unserer Familie, besuchen. Gleichzeitig erfolgte meine Aufnahme in das „Jungvolk“, der Nazi-Organisation für die Jungen zwischen 10 und 14 Jahren.

Später, als mit dem Krieg auch die Bombennächte kamen, verzogen wir uns nach der Explosion einer Luftmine im März 1943 auf unser Gartengrundstück außerhalb Berlins. Dort konnte ich auch ein Gymnasium besuchen, bis die ganze Klasse Ende 1943 als Flakhelfer eingezogen wurde. Den Krieg habe ich zum Glück ohne Blessuren überstanden, wie auch meine Familie.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs 1945 folgte der Wiederaufbau Deutschlands und gleichzeitig die Teilung Berlins durch den Viermächtestatus. Wie hast Du diese Zeit erlebt?

Nach der Befreiung vom Faschismus durch die Alliierten 1945 wurde mein Vater, der in der Weimarer Republik Direktor einer Hilfsschule war, nach Berlin geholt und von der Abt. Volksbildung des Magistrats mit dem Aufbau des Hilfsschulwesens in Berlin betraut. Wir bekamen eine Wohnung in Lichtenberg. Dort beendete ich mit dem Abitur Ende 1945 meine Schulzeit und begann an der Humboldt-Universität Mathematik zu studieren, begriff nichts und sattelte auf Geschichte um.

Das Leben ab 1945 war für verantwortungsvolle Menschen voller Impulse. „Heraus aus den Trümmern und was Neues hingebaut …“, hieß es in einem Lied. Parteien waren gegründet worden und entwickelten eine Vielfalt von sozialen und demokratischen Vorstellungen. Dominierend war das Bemühen von Sozialdemokraten und Kommunisten, die KZ und Zuchthaus überstanden hatten, sich zusammenzuschließen und gemeinsam die soziale und demokratische Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens zu gestalten. So entstand die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands.

Ich besuchte eine Veranstaltung der SPD mit Kurt Schumacher, der gegen die Vereinigung wetterte und sie als Zwangsvereinigung bezeichnete. Sein Kredo war „Einheit in Freiheit!“ Ich dachte, warum macht er es denn nicht so? In Berlin gab es in der SPD eine Mitgliederbefragung. 82 Prozent der an der Befragung Teilnehmenden waren gegen eine sofortige Vereinigung mit den Kommunisten, aber über 61 Prozent waren für eine Zusammenarbeit. In der UNI war ich damals schon der Gewerkschaft beigetreten, und, weil es zu ihren sozialen Vorstellungen und denen der SED weitgehende Übereinstimmung gab, trat ich auch in die SED ein.

1952 wurde das Museum für Deutsche Geschichte gegründet, es wurden Mitarbeiter gebraucht und gesucht, auch Studenten des letzten Studienjahres wurden gefragt, und da ich an der Gemeinsamkeit von theoretischer und praktischer Arbeit interessiert war, war ich zur Mitarbeit bereit und wurde eingestellt.

Im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung entstehen natürlich immer Probleme, über die man reden muss, um gemeinsam Lösungen zu ihrer Überwindung zu suchen. Daran war aber die SED-Führung immer weniger interessiert. „Keine Fehlerdiskussion, wir überwinden die Probleme im Vorwärtsgang, und Entscheidungen, die wir heute so nicht mehr treffen würden, waren damals richtig. Punkt.“ Genossen, die dazu sachliche Analysen forderten oder sogar theoretische Probleme angingen, wurden gemaßregelt. Der bekannteste von ihnen war Robert Havemann. Diese Entwicklung raubte mir immer mehr meine politischen Illusionen.

Nach dem Fall der Mauer musstest Du Dich neu orientieren, wie alle anderen auch. Wie erging es Dir damit?

Auf die neue kapitalistische Situation musste ich mich natürlich erst einmal einstellen. Das fiel mir umso leichter, als ich Ende 1990 in den Vorruhestand eintreten konnte und meine Schwester, die wieder in dem Haus in Tempelhof wohnte, uns bat, umzuziehen, weil eine Wohnung frei geworden war. So war die Familie wieder vereint.

Die Linke entstand 2007 aus der Fusion der WASG und der PDS. Seit wann bist Du in der Linken?

Ich erfuhr, dass es auch in Tempelhof eine Gruppe von Genossen der PDS gab. Daran interessiert ging ich mal zu einer Versammlung und war über die Atmosphäre höchst überrascht. Hier wurden Fragen und Probleme in aller Offenheit besprochen, es gab auch insbesondere das Bemühen, mit Menschen in Kontakt zu kommen, zu erfahren, welche Fragen und Probleme sie bewegen, um ihnen vielleicht helfen zu können. Dieser Trend setzte sich fort, als sich PDS und WASG zur Partei „Die Linke“ vereinigten.

Nach der Agenda 2010 hatten wir einen großen Zuwachs an Wählern. Heute steht die Linke kurz vor ihrem Ende. In den alten Bundesländern ist sie heute lediglich noch in Hessen, Bremen, Hamburg und Berlin in den Parlamenten vertreten.

Aber dann gab es eine Entwicklung in der Partei, die ich nicht erwartet hätte: Dominierende Mitglieder des Parteivorstandes hatten nur noch im Sinn, Teil einer Regierung auf Bundesebene zu werden. Um das zu erreichen, setzten sie sich über das Parteiprogramm hinweg und mobbten und verleumdeten Genossen, die nicht bereit waren, Vorhaben und Ziele einer sozialistischen Partei aufzugeben. Das Ergebnis ist bekannt: Immer mehr Mitglieder und vor allem Wähler wandten sich von der Linkspartei ab, die Partei erreichte bei den letzten Bundestagswahlen keine 5 % mehr. Wurden Lehren daraus gezogen? Aber nicht die Bohne!

Was sollte die Linke nach Deiner Meinung tun, um wieder von den Wählern wahrgenommen zu werden?

Ich denke, dass unsere Bezirksorganisation bei ihrer sozialen, den Menschen zugewandten Politik bleibt, denn immerhin haben wir hier im Tempelhof-Schöneberg bei den Bundestagswahlen sogar Wählerstimmen zugewinnen können, also müssen wir wohl politisch vertrauenswürdig sein und unsere soziale Tätigkeit ist nicht ganz ergebnislos.

Was wäre Dein Wunsch für die Zukunft?

Ich will mal mit dem Propheten Lucas antworten: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

Friedrich der Große hat sich sinngemäß etwa so ausgedrückt: „Zum Wohl der Menschheit muss jeder das Seine tun.“

Und Thomas Mann meinte: „Krieg ist nichts weiter als Drückebergerei vor den Aufgaben des Friedens.“

Ich sage es mal etwas detaillierter:

  • Schwerter werden zu Pflugscharen umgeschmiedet;
  • Jeder Mensch mit entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten hat eine gut bezahlte Arbeit;
  • Jeder Mensch kann sich sattessen;
  • Keiner muss mit Lumpen rumlaufen;
  • Jeder hat ein Dach über dem Kopf;
  • Jeder junge Mensch wird entsprechend seinen Fähigkeiten und Neigungen ausgebildet;
  • Auch die älteste Oma im entlegensten Dorf wird gesundheitlich betreut;
  • Es wird alles dafür getan, die Natur, die ja die Grundlage allen Lebens ist, zu erhalten.

Das sind meine Vorstellungen vom Sozialismus. Das alles ist allerdings nur möglich, wenn die Macht des Monopolkapitals gebrochen wird.

Danke, Dedo! Wir hoffen, dass Du noch lange bei uns mitmachen kannst!
Interviewer: Marianne Lampel, Andreas Bräutigam