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Katharina Marg und Harald Gindra

Zum Tod eines Multifunktionsbads: „Unverzüglich ein Interimsbad bauen“!

Interview mit der Autorin der Internetseite www.schwimm­blog­berlin.de/. Auf ihrem Blog veröffentlicht Bianca Tchinda Interessantes zum Thema Schwimmen aus der Perspektive der Berlinerin.
Wir sprechen mit ihr über die Politik der Bäder in Tempelhof­Schöneberg.

1. Die Bäderbetriebe haben den Neubau des Schwimmbads in Mariendorf gerade gestrichen. Was hältst Du generell von dem Plan zwei teure „Multifunktionsbäder“ in Berlin zu bauen?
Gar nichts. Eine Kommune soll Daseinsvorsorge betreiben. Dazu gehören keine "Saunahäuschen", kein Strömungskanal (so toll ich das als Schwimmerin finden würde, in so einem echten Strömungskanal trainieren zu können). Die Stadt hat nur begrenzte Mittel. Diese müssen gerecht verteilt werden. 100 Millionen? Geteilt durch 12. Davon baut man Zweckschwimmbäder.
Meint die Frage die Entscheidung, nur eines zu bauen? Dann: Es ist eine Frechheit, mit Scheinargumenten einen Bezirk zu bevorzugen. Nichts gegen Pankow, um Himmels Willen, aber Fakt ist, dort sind Bäder in Sanierung, eines wurde gerade saniert, eines ist Wettkampftauglich und es gibt sogar ein Strandbad.

2. Was findest Du am wichtigsten für die Berliner Bäderlandschaft, in der es einen großen Sanierungsstau gibt?
Die Berliner Bäderbetriebe sollen Bäder betreiben. 
Bau, Sanierung, Ausschreibung von Reparaturen und alles andere sollte nicht von den BBB ausgeführt werden. Keine Planung (Gutachten würde ich gern mal sehen), keine Angabe zu Kosten hat in den letzten Jahren auch nur annähernd gestimmt.
Die Stadt muss anfangen, Bäder auch in Kooperation mit Bürger*innen zu betreiben.

3. Der geplante Bad­Neubau am Ankogelweg soll jetzt wegfallen, wegen Verzögerung und Baukostensteigerungen. Wie sollte damit umgegangen werden?
Unverzüglich ein Interimsbad bauen! Das kann auf dem Gelände passieren. Ein sogenannter Systembau ist kostengünstig, erweiterbar und zweckmäßig für die Schwimmausbildung der Schulen, Vereine und für die Nutzung durch die Öffentlichkeit. Sofort untersuchen lassen, in welchen Berliner Schulen im Bezirk und an welchen anderen Orten es (kleine) Schwimmbecken gibt.

4. Wie ist im Vergleich mit Pankow der Sanierungsstand bzw. die Gefahr von Schließung von Bädern in Tempelhof­Schöneberg einzuschätzen?
Vergleicht man einerseits die Bäder­Anzahl, ist Pankow bessergestellt.
Pankow: hat ein Strandbad und ein mit Freibad und saniertem Edelstahlbecken. Eine Schwimmhalle wird gerade wieder saniert und das Lehrschwimmbecken wird (wieder) eingebaut. Zwei Schwimmhallen wurden komplett saniert in den letzten Jahren. Es gibt eine Schwimmhalle mit einem 50­Meter­Becken, einem Therapie­, einem Lehrschwimmbecken und einem Wettkampfbecken. Außerdem soll dort weiter ausgebaut werden.
Tempelhof­Schöneberg: hat ein Freibad, das 1955 gebaut wurde, eine Schwimmhalle mit 50­ Meter­Becken & Lehrschwimmbecken seit 1967, der Sanierungsplan lag dort zuletzt bei 15 Millionen Euro. Ein Kombibad, seit 1975 und nie umfassend saniert. Davon ist ein Teil eine Halle mit 50­MeterBecken und einem Lehrschwimmbecken und ein Freibad mit zwei 50 Meter Becken. Eine weitere Schwimmhalle wurde 1964 gebaut und nie umfassend saniert. Eine Halle eröffnete 1930 und wurde seitdem mehrfach saniert. Fakt ist, im Bezirk hier wurde viel geplant, realisiert wurden nur umfassende Sanierungen und Umbauten (also Sauna raus, jetzt wieder rein) in Schöneberg, einem sogenannten Freizeitbad.

In Pankow hingegen wurden Bäder saniert, nicht nur eines. Ich bin der Meinung, dass eine Konkurrenzsituation zwischen den Bezirken falsch ist. Die BBB wurden gegründet, um Bäder der Stadt gleich zu behandeln. Deshalb fordere ich, die zur Verfügung stehenden Gelder gerecht zu verteilen.

Am Beispiel der SIWANA­Mittel ist das recht einfach: Beide Bezirke müssen Abstriche machen in jedem kann ein Zweckbad, das die Grundversorgung mit Schwimmflächen leistet, mit einigen Extras errichtet werden für 30 Millionen € pro Bad.

5. Am maroden „Ankogelbad“ soll die Nutzungszeit mit kleinen Sanierungsmaßnahmen verlängert werden. Wie sind Deine Erfahrungen mit überraschenden Schließungen?
Letztes Beispiel? Statt am 26.05.22 die FreibadSaison zu beginnen, im Kombibad Mariendorf, wurde das auf den 07.Juli geschoben. Ich habe 2017 dokumentieren dürfen, ganz offiziell, wie der Zustand des Kombibads ist. Es war damals schon marode. Anderes Beispiel, Stadtbad Charlottenburg Neue Halle, Einsturzgefahr des Dachs 2019.
Es wurde nicht reagiert. Nun ist das Bad auf lange Sicht gesperrt. Jedes Bauvorhaben, also Sanierungen, wurden teurer, und das nicht nur ein paar hunderttausend, sondern Millionen Euro. Die Sanierungen dauern auch länger und nicht nur eine Woche, sondern Jahre. Was auch immer man plant oder nicht, es muss sofort ein Zweckbau in Angriff genommen werden. Notfalls vom Bezirk initiiert.

6. Das Bad in der Götzstraße in der Neuen Mitte Tempelhof soll auch mit Neubau ersetzt werden, auch da wurde nicht mehr saniert, ist dort auch ein Ausfall möglich?
Laut Betreiber ist das Bad nicht sanierungsfähig.
Entweder das war eine Lüge oder es ist faktisch nicht sanierungsfähig. Das Bad ist in den letzten Jahren immer wieder wesentlich länger in der Revision gewesen als 'geplant'. Teilweise monatelang und das bedeutete, weder Schwimmunterricht noch Vereinsbetrieb.
Was ich besonders wichtig finde zu sagen: in Berlin gab es 2017 die größte Sportstudie die durchgeführt wurde in der Stadt. Ergebnis war unter anderem, dass die absolute Mehrheit von weit über 80 % der Menschen ihren Schwimmsport und Aufenthalte in Bädern individuell plant.
Wenn nun der Bäderchef mit den Achseln zuckt und sagt (wie im bezirklichen Sport­Ausschuss), dass die Öffentlichkeit raus gedrängt wird, so ist das ein fatales Signal an die Mehrheit der Berliner*innen und ihre Gäste. Schulschwimmen ist gesetzt, klar. Vereine sollen unbedingt die Schwimmausbildung übernehmen, klar. Wann und wo aber gehen dann all diese kleinen Schwimmanfängerinnen und Schwimmanfänger mit ihren Familien und Freund*innen das Schwimmen üben, wenn sie nicht mehr in Bäder dürfen, weil versäumt wurde und wird, Berliner­Bäder­Politik für alle zu gestalten? Schwimmen ist ein Breitensport. In jeder Umfrage gibt ein hoher Prozentsatz der befragten Personen "Schwimmen" als Hobby an.
In den letzten 25 Jahren sind zu viele Bäder untergegangen. Das Kombibad Mariendorf wird dazu gehören. Wenn jetzt gehandelt wird, können wir das vielleicht nicht ganz verhindern, aber doch vorbeugen, dass eine weitere Generation Nichtschwimmerinnen und Nichtschwimmer heranwächst!
Das Interview führten die Bezirksverordneten
Katharina Marg und Harald Gindra
Fraktion DIE LINKE.